Im Tiroler Volkskundemuseum in Innsbruck befinden sich Fotos und Entwürfe über die Lieper-Winkel-Tracht – darauf machte uns Helder John aufmerksam, ein Mitwirkender beim Trachtenfest des Heimatvereins am 16. Mai. Doch wie kommt unsere pommersche Tracht aus dem Lieper Winkel überhaupt nach Österreich?
Der Weg lässt sich auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückführen. Dessen Ziel war es, ausländische Modetrends durch eine ideologisch aufgeladene, deutsche Kleidung zu ersetzen. Sie griffen damit eine Idee auf, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts während der Anti-Napoleonischen Kriege debattiert worden war. Das Mittel zur Umsetzung war die "Trachtenerneuerung" - regionale Bestrebungen, welche schon seit der Jahrhundertwende historische Trachten an das 20. Jahrhundert anpassen wollten. Zur Koordination gründeten die Nazis dafür 1939 die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck, welche eine neue deutsche Alltagstracht mit historisch-regionalen Bezügen entwerfen sollte. So auch für Pommern.
Da traditionelle Trachten in Pommern jedoch nicht mehr getragen wurden, vermaß die Mittelstelle historische Stücke in Museen. Im Museum Stettin wurden dafür 1943 ein Rock und eine Schürze aus dem Lieper Winkel detailliert vermessen und in der Trachtenmappe Pommern dokumentiert. Da es aber keine flächendeckenden Trachtengebiete in Pommern gab, blähte die Mittelstelle die ursprünglichen kleinen Trachtengebiete, wie den Lieper Winkel, einfach als Alltagskleidung für den gesamten Landkreis Usedom-Wollin auf. Die Liepwinkelsche Tracht sollte nach ihrem Willen somit das Modebild beider Inseln prägen.
Die hier gezeigte Modezeichnung für Usedom-Wollin adaptiert den Kantenrock der Lieper Tracht. Und es wurden nachfolgend auch noch reale Modelle genäht: die Fotos zeigen die geschneiderten Frauentracht für den Kreis Randow (links) und den Kreis Usedom-Wollin (rechts) auf einer Propaganda-Postkarte. Aber in der Bevölkerung fand die neue Kleidung in den späten Kriegsjahren keine Verbreitung mehr.
Nach dem Krieg verblieben die Unterlagen der Mittelstelle im Fundus des Tiroler Volkskundemuseums in Innsbruck. Dank der Initiative von Helder konnte die Pommersche Trachtenmappe vor Ort gesichtet und für uns zugänglich gemacht werden. Die Mode-Entwürfe und Fotografien einer ideologisch ausgerichteten Kleidung sind seltene Zeugnisse in der 200jährigen Geschichte der Lieper Winkel Tracht.
Wer Kantenröcke und Schürzen ähnlich zu den oben dokumentierten Exemplaren sehen, sowie weitere Geschichte und Hintergründe der Tracht erfahren möchte, der kann dies 2026 im Heimathof in Rankwitz jeden Mittwoch 10-16 Uhr.